Luftaufnahme von Reiskirchen

Geschichte

Die Meilensteine der Gemeinde Reiskirchen im Überblick

Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass Reiskirchen erstmals im Jahr 975 in einer Schenkungsurkunde von Kaiser Otto II. als „Richolueschiricha“ erwähnt wurde. In dieser Urkunde schenkt Kaiser Otto II. die gerichtlich entzogene Besitzung Reiskirchen an seinen Getreuen Otbreht als Dank für dessen Dienste. Da es allerdings bei Wetzlar einen Ort gleichen Namens gibt und beide Orte um 975 in derselben Grafschaft lagen, ist es unsicher, auf welchen Ort sich diese Urkunde bezieht.

Nach gegenwärtigem Forschungsstand gilt das Jahr 1238 als Datum der Ersterwähnung von unserem Reiskirchen. In einer Urkunde von Oktober 1238 fungiert ein „Siffridus plebanus de Richoluiskirchen“, also ein Pfarrer namens Siegfried von Reiskirchen, als Zeuge in einem Vergleich.

Seit seines Bestehens unterstand Reiskirchen der Gerichtsbarkeit des „Busecker Thals“.

Das Gebiet bildete einen selbstständigen Gerichtsbezirk, der erst 1827 aufgelöst wurde, als die Gerichtsbarkeit auf den Hessischen Staat überging. Das Busecker Tal wurde von einer Ganerbschaft verwaltet. Den sog. Vierern und Ganerben oblag die Vertretung der Ganerbschaft nach außen sowie die Besiegelung von Verträgen und die Rechtsprechung bei Gericht.

Das Busecker Tal umfasste die Ortschaften Albach, Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Burkhardsfelden, Großen-Buseck, Oppenrod, Reiskirchen und Rödgen. Außerdem lagen die heute wüsten Ortschaften Wilshausen, Romsdorf, Eckhardshausen, Foxrod, Dörfeln, Beltershausen, Amelungshausen und Giebenhausen in dem Gebiet.

Die heutige Schreibweise des Namens Reiskirchen taucht erst im Jahr 1558 in einer Urkunde auf. Vor dieser Schreibweise wurden mehrere Varianten für den Ortsnamen genutzt. Neben Richoluiskirchen, Ricolfiskirchen, Richolskirchin, Richelskyrchen, erschien auch Ryskirchen als Schreibweise.

Der Ursprung des Namens wird von dem Erbauer der Kirche abgeleitet: von Richolf gestiftete Kirche.

Das älteste, noch vorhandene Kirchenbuch von Reiskirchen berichtet ab dem 04. August 1605 über das Geschehen in Reiskirchen. Der erste eingetragene Pfarrer ist Christian Reit.

Nach einem ausgebrochenen Feuer in der Osternacht des Jahres 1613 bleiben nur neun von 48 Wohnhäuser in Reiskirchen übrig. Auch die Kirche fällt dem großen Brand zum Opfer.

1628 wird in einem kirchlichen Schriftstück von einem hauptamtlichen Schulmeister berichtet. An welchem Standort der Schulmeister zu diesem Zeitpunkt lehrte, geht nicht aus den Unterlagen hervor. Das erste bekannte Schulhaus, das sog. Haus Eißfeller wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erbaut.

Der Reiskirchener Pfarrer Johannes Steindecker wird 1655 vom Gericht des Busecker Tals der Hexerei und allerlei Untaten beschuldigt. Pfarrer Steindecker gelingt es, vom Scheiterhaufen verschont zu bleiben, denn er wird 1673 in Gießen beerdigt.

Das älteste, noch im Gemeindearchiv vorhandene Schriftgut über Reiskirchen ist die Jahresrechnung des Bürgermeisters Johann Launspach von 1673.

Aus der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt entsteht 1806 das Großherzogtum Hessen. Die Verwaltung auf Gemeindeebene wird durch die Gemeindeordnung vom 30. Juni 1821 neu geregelt. An der Spitze der Bürgermeisterei steht ein gewählter Ortsvorstand, der sich aus Bürgermeister, Beigeordneten und Gemeinderat zusammensetzt.

1823 wird mit einem neuen Schulbau in der Schulstraße begonnen. Das zunächst einstöckige Schulgebäude öffnet jedoch erst 1836 seine Türen. 1888 wird die Schule aufgestockt.

Am 29. Dezember 1869 nimmt die Oberhessische Eisenbahngesellschaft erstmals die Strecke Gießen-Grünberg in Betrieb. Das Bahnhofsgebäude in Reiskirchen wird 1872 errichtet.

Das alte Spritzengebäude im Oberdorf wird 1880 wegen Baufälligkeit abgerissen und ein neues, zweites Backhaus wird errichtet. Ein neues Feuerwehr Leiterhaus wird auf dem Grundstück, auf dem heute die Gemeindeverwaltung steht, errichtet.

Der Hochbehälter für die Wasserversorgung von Reiskirchen wird 1911 fertiggestellt. Im Jahr 1913 erhält Reiskirchen erstmals elektronisches Licht aus Gießen.

Die Autobahnstrecke Frankfurt – Bad Hersfeld (A5) wird ausgebaut. An der heutigen Abfahrt Gießen / Nord – Reiskirchen entsteht 1938 auf dem sogenannten Schlierberg die Autobahnmeisterei Reiskirchen.

Die Spuren des Zweiten Weltkrieges sind auch in Reiskirchen zu sehen. Insgesamt verlieren 62 Soldaten aus Reiskirchen ihr Leben. In Reiskirchen, hauptsächlich am Schlierberg und in Richtung Lindenstruth, sowie am Flugplatz Ettingshausen fallen mehrmals Bomben herab.

Die Synagoge der israelitischen Gemeinde wird im Zuge der Novemberpogromnacht geplündert und niedergebrannt. Zwischen den Jahren 1933 bis 1938 müssen in Reiskirchen 38 Einwohner gelebt haben, die jüdischen Glaubens waren. Die letzten 8 jüdischen Einwohner werden 1942 verschleppt und ermordet. Weitere 5 Einwohner werden nach ihrer Flucht aus Reiskirchen Opfer des Holocausts.
Am 28. März 1945 erreichen amerikanische Bodentruppen Reiskirchen. Es werden 11 Gebäude von der amerikanischen Besatzung beschlagnahmt. Flüchtlinge und Evakuierte werden in Reiskirchen untergebracht.

Die erste Mittelpunktschule im Landkreis Gießen wird 1963 auf dem Kirschberg in Reiskirchen eingeweiht. Seit 1971 besuchen nur noch Grundschüler die Schule in Reiskirchen. Die Schüler ab der 5. Klasse besuchen die Gesamtschule in Großen Buseck.

Im Zuge der Gebietsreform werden die Ortsteile Hattenrod, Saasen und Winnerod ab dem 01.01.1971 zur Gemeinde Reiskirchen eingegliedert. Hauptsitz der Verwaltung ist das neu umgebaute Verwaltungsgebäude in Reiskirchen. Auch der neue Kindergarten und das Bürgerhaus werden eingeweiht.

Der Ortsteil Burkhardsfelden ist ab dem 01.04.1972 Teil der Gemeinde Reiskirchen. Die Ortsteile Ettingshausen, Lindenstruth und Bersrod werden am 01.01.1977 in die Gemeinde Reiskirchen gesetzlich eingegliedert.

Sowohl der Gemeinde Reiskirchen im Landkreis Gießen als auch dem Reiskirchen bei Wetzlar wird 1975 genehmigt, eine 1000-Jahrfeier zu feiern. Im Rahmen dieses Anlasses wird der Gemeinde Reiskirchen ein Gemeindewappen genehmigt und die Freiherr-vom-Stein-Plakette verliehen.

Der Ortsteil Hattenrod feiert 1976 sein 750-jähriges Bestehen. Lindenstruth feiert 1984 die 750-Jahr-Feier.

Die Gemeinde Reiskirchen schließt 1990 eine Partnerschaft mit der Ortschaft Wandersleben im östlichen Landkreis Gotha, Thüringen. Seit 2009 ist die ehemals selbständige Gemeinde ein Ortsteil der Landgemeinde Drei Gleichen. 1991 folgt eine Partnerschaft mit Muttersholtz, einer französischen Gemeinde im Elsass. 1997 schließt Reiskirchen eine Partnerschaft mit der polnischen Gemeinde Goleszów, im Powiat Cieszynski der Woiwodschaft Schlesien.